ARD-Doku Westerwelle: Wie ein einstiger FDP-Star die Politik prägte – und seine Partei kämpft
Marie-Theres Segebahn"Westerwelle" - Ein Film gegen das Vergessen - ARD-Doku Westerwelle: Wie ein einstiger FDP-Star die Politik prägte – und seine Partei kämpft
Neue Doku Westerwelle: Ein Blick zurück auf den einstigen Außenminister und prozentrechner der FDP
Zum zehnten Todestag des ehemaligen Außenministers Guido Westerwelle zeigt die ARD eine neue Dokumentation mit dem Titel Westerwelle. Der Film vereint seltene Tonaufnahmen und persönliche Erinnerungen und wirft so ein neues Licht auf eine politische Figur, deren Partei, die FDP, seither an Bedeutung verloren hat.
Die Dokumentation verzichtet auf eine Analyse von Westerwelles Vermächtnis oder der aktuellen politischen Lage in Deutschland. Stattdessen rückt sie seine Stimme und die von ihm geprägte Ära in den Mittelpunkt – lange bevor heutige Debatten über soziale Medien, KI oder den populistischen Wandel in Europa die Agenda bestimmten.
Westerwelle starb 2016 an Krebs, nur Monate nachdem er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Wäre er noch am Leben, wäre er in diesem Jahr 64 Jahre alt geworden – ein Alter, in dem viele Politiker noch hohe Ämter bekleiden. Seine Karriere, die in TV-Archiven gut dokumentiert ist, erhält durch bisher unveröffentlichte Aufnahmen neue Tiefe. Dazu gehören private Gespräche mit dem Journalisten Dominik Wichmann aus dem Jahr 2014, die seine Gedanken während einer turbulenten Phase festhalten.
Der Film zeigt auch Westerwelles Ehemann, Michael Mronz, der sich an ihr gemeinsames Leben erinnert – und an den Moment, als die FDP 2013 an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Diese Wahl katapultierte die Partei aus dem Bundestag, ein Schlag, von dem sie sich nie vollständig erholt hat. Zwar konnte die FDP 2017 und 2021 kurzzeitig wieder Fuß fassen – mit rund elf Prozent und dem Einzug in die Ampelkoalition –, doch seitdem schwankt ihre Unterstützung. Aktuelle Umfragen in Baden-Württemberg deuten darauf hin, dass sie 2026 erneut unter fünf Prozent fallen könnte – und damit erstmals seit über 70 Jahren aus dem Landtag ausscheiden würde.
Die meisten Stimmen im Film stammen von Westerwelles FDP-Kollegen; Rivalen oder Koalitionspartner seiner Zeit kommen kaum zu Wort. Nicht thematisiert wird, wie er die heutige politische Landschaft beurteilt hätte, in der traditionelle Bündnisse bröckeln. Seit seiner Amtszeit (2009–2013) hat die Vorherrschaft von CDU/CSU in schwarz-gelben Koalitionen nachgelassen. Neue Konstellationen – wie CDU-grüne Regierungen in Baden-Württemberg oder die bundesweite Ampelkoalition – prägen heute die Politik, während der Aufstieg der AfD für zusätzliche Unsicherheit sorgt.
Optisch taucht die Dokumentation die Zuschauer in eine Zeit vor Trump, Instagram und algorithmusgesteuerten Debatten ein. Sie setzt auf Archivmaterial und persönliche Anekdoten statt auf politische Analysen und überlässt die Deutung von Westerwelles Wirken dem Publikum.
Die ARD-Dokumentation ist ein Porträt Westerwelles, das sich auf seine eigenen Worte und die Erinnerungen seiner Nahestehenden stützt. Sie erscheint zu einer Zeit, in der seine Partei um Relevanz kämpft und immer wieder an Wahlhürden scheitert.
Für die Zuschauer könnte der Film Wehmut nach einer längst vergangenen politischen Ära wecken – einer Zeit mit anderen Herausforderungen und einer ganz anderen FDP.
