Jede dritte Apotheke in Deutschland droht zu schließen – warum die Krise jetzt eskaliert
Leokadia MansJede dritte Apotheke in Deutschland droht zu schließen – warum die Krise jetzt eskaliert
Apotheken in Deutschland stecken in einer sich verschärfenden Finanzkrise – jedes dritte Geschäft steht vor dem Aus. Steigende Kosten und seit Jahren stagnierende, staatlich festgelegte Gebühren drängen viele Betreiber an den Rand des Ruins, während Online-Konkurrenz mit Dumpingpreisen traditionelle Dienstleistungen untergräbt. In Bielefeld trafen sich kürzlich Apothekeninhaber mit Oberbürgermeisterin Dr. Christiana Bauer, um auf die dringende Notwendigkeit von Reformen und einer faireren Finanzierung hinzuweisen.
Hauke Stange, Inhaber der Adler-Apotheke und Vorsitzender der Bielefelder Bezirksgruppe im Apothekerverband Westfalen-Lippe (AVWL), schilderte bei dem Gespräch mit Oberbürgermeisterin Dr. Bauer die existenzbedrohenden Herausforderungen lokaler Apotheken. Wie er erläuterte, sind die Personal- und Betriebskosten in den vergangenen zwei Jahrzehnten um 65 Prozent gestiegen, während die staatlich vorgegebenen Vergütungen kaum angepasst wurden. Die Folge: Eine immer größere Gefahr für die Patientenversorgung, besonders in unterversorgten Stadtteilen wie Schildesche, wo die Zahl der Apotheken seit 2012 von vier auf heute nur noch eine geschrumpft ist.
Der von der Koalitionsregierung vorgelegte Reformentwurf bringt kaum Entlastung. Statt der von Apothekern geforderten Gebührenerhöhungen verschiebt er eine Entscheidung lediglich auf unbestimmte Zeit. Noch problematischer: Der Plan verzichtet darauf, die Festpreisbindung für Medikamente gesetzlich abzusichern – ein Instrument, das das Gesundheitssystem stabilisiert und Verbraucher vor Preissprüngen schützt. Zudem gefährdet die geplante Aufweichung der Präsenzpflicht in Apotheken die Arzneimittelsicherheit, da künftig nicht mehr garantiert ist, dass ein Apotheker vor Ort beratend tätig ist.
Oberbürgermeisterin Dr. Bauer, Juristin mit Schwerpunkt Arzneimittelrecht, erkannte die Dramatik der Lage an. Sie kündigte an, sich auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene für eine bessere Apothekenversorgung einzusetzen – darunter auch Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel. Ein zentrales Problem sieht sie im Wettbewerbsnachteil lokaler Apotheken gegenüber Versandapotheken, die oft nicht das volle Spektrum pharmazeutischer Betreuung bieten.
Ohne Gegensteuerung, warnen Experten, könnte sich der aktuelle Trend beschleunigen – mit der Folge weiter schließender Apotheken und einer eingeschränkten Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Medikamenten und fachkundiger Beratung.
Das Treffen in Bielefeld macht die wachsende Kluft zwischen politischer Planung und der Realität in den Apotheken deutlich. Ohne kurzfristige Gebührenanpassungen und bei drohender Deregulierung könnte das Überleben traditioneller Apotheken auf dem Spiel stehen. Die Konsequenz: ein grundlegender Wandel, wie Patienten in Deutschland an Medikamente gelangen – mit einer weiteren Verlagerung ins Internet und weniger Möglichkeiten für persönliche Beratung vor Ort.
