Warum *Dinner for One* seit Jahrzehnten unseren Silvesterabend prägt
Tilo RohtWarum *Dinner for One* seit Jahrzehnten unseren Silvesterabend prägt
Jedes Jahr an Silvester schalten Millionen in den deutschsprachigen Ländern ein, um Dinner for One zu sehen – eine kurze Komödie über die Geburtstagsfeier einer älteren Dame. Das 18-minütige Stück, in den 1920er-Jahren vom britischen Autor Lauri Wylie verfasst, verbindet absurden Humor mit scharfsinnigen Beobachtungen über Einsamkeit, Rituale und den schwindenden Glanz der Oberschicht.
Die Handlung spielt um 1900 in einem englischen Salon, wo die 90-jährige Aristokratin Miss Sophie ihren 90. Geburtstag begehen will. Ihre vier engsten Freunde – längst verstorben – werden von ihrem Butler James verkörpert, der mit wachsender theatralischer Hingabe in jede Rolle schlüpft. Das Menü folgt einem starren, mehrgängigen Ablauf, bei dem zu jedem Gang ein bestimmtes Getränk serviert wird – ein Spiegel der kolonialen und standesbewussten Traditionen der Zeit.
Im Laufe des Abends leert James pflichtbewusst jedes Glas, das für die abwesenden Gäste bestimmt ist, und betrinkt sich zusehends. Seine Trunkenheit löst die steife Förmlichkeit der Veranstaltung auf und verwandelt das Dinner in eine Farce. Der Tigerfell-Teppich unter ihren Füßen wird dabei sowohl zum Requisit für Slapstick-Einlagen als auch zum Symbol einer sozialen Ordnung, die über ihre eigenen Relikte stolpert. Der Witz der Szene liegt in ihrer grotesken Darstellung von Einsamkeit als Routine. Miss Sophies Beharrlichkeit, das Ritual trotz aller Absurdität aufrechtzuerhalten, enthüllt eine Welt, in der die Tradition ihren Sinn verloren hat. Gleichzeitig pendelt ihre Beziehung zu James zwischen Förmlichkeit und unausgesprochener Komplizenschaft – ein Hinweis auf eine Verbindung, die tiefer geht als ihre vorgegebenen Rollen.
Uraufgeführt 1948 im Duke of York’s Theatre in London, fand Dinner for One in Großbritannien nie rechten Anklang. Doch in Deutschland, Österreich und darüber hinaus wurde die Komödie zum Kult – hier trifft ihr Mix aus Melancholie und Heiterkeit seit Jahrzehnten am Silvesterabend den Nerv des Publikums.
Die anhaltende Beliebtheit des Stücks gründet auf seiner Fähigkeit, Lachen mit berührenden Themen zu verbinden. Indem es Einsamkeit zum Spektakel und Rituale zur Farce erhebt, fängt es die Zerbrechlichkeit sozialer Strukturen ein. Für die Zuschauer ist das jährliche Anschauen längst selbst zum Ritual geworden – eines, das sowohl die Absurdität als auch die stille Würde des Alterns in Einsamkeit feiert.
