Wie Kieler Werftklänge und Seemannslieder eine Kindheit prägten
Michael Krieg verbrachte seine Kindheit geprägt von den Bildern und Klängen der Kieler Werfttradition. Aufgewachsen in der Nähe der inzwischen geschlossenen Howaldtswerke-Werften, war er fasziniert vom täglichen Stapellauf der Schiffe in den Kieler Förde. Bei Familienausflügen hörten sie oft Seemannslieder von Stars wie Freddy Quinn, Lale Andersen und Hans Albers – Stimmen, die seine frühe Liebe zur maritimen Kultur prägten.
Bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr lebte Krieg in Kiel, wo die Kriegsschiffe vor der Küste lagen und das Treiben der Werft zu seinem Alltag gehörte. Der Rhythmus der Docks vermischte sich mit der Musik, die er zu Hause hörte – besonders mit Hans Albers' ikonischer Rolle in Große Freiheit Nr. 7. In dem Film von 1944 spielte Albers Hannes Kröger, einen Matrosen, der davon träumt, dem Hafenleben in St. Pauli zu entfliehen und auf das offene Meer zurückzukehren. Sein Vortrag von La Paloma an Bord der Padua – ein Moment des Trotzes und der Sehnsucht – hinterließ bei Krieg einen bleibenden Eindruck.
Die Padua selbst war kein gewöhnliches Schiff. Zwischen 1895 und 1945 von der Hamburger Reederei F. Laeisz gebaut, gehörte sie zu den etwa 60 Flying P-Linern, schnellen Segelschiffen, die für ihre markanten weißen Segel mit dem schwarzen "P" bekannt waren. Die meisten dieser Schiffe wurden später zu Schul- oder Museumsschiffen umfunktioniert, doch die Padua überdauerte als einziger viermastiger Bark seiner Art. Heute fährt sie unter russischer Flagge als Krusenstern und dient als Schulschiff, das das Erbe dieser Ära bewahrt.
Kriegs Verbindung zur maritimen Musik ging über gemeinsame Familiengesänge hinaus. Als Junge sang er in einem Kirchenchor neben einem Bass, dessen kraftvolle Stimme auch dem Lotsen-Gesangverein angehörte – einem Gesangverein der Hafenlotsen. Die Mischung aus sakralen Harmonien und rauen Shanties spiegelte den Kontrast zwischen Kiels industrieller Wasserfront und der romantischen Anziehungskraft des Meeres wider.
Die Schiffe, Lieder und Geschichten aus Kriegs Jugend sind mit einer untergegangenen Welt verbunden. Die Howaldtswerke-Werften gibt es nicht mehr, und die Padua segelt heute unter einem anderen Namen. Doch die Musik von Albers, das Donnern der Schiffskörper beim Stapellauf und die Echos des Lotsen-Gesangvereins leben weiter – Erinnerungen an eine Zeit, in der Kiels Identität zwischen Land und Meer geschmiedet wurde. Für Krieg sind diese Erinnerungen mehr als bloße Nostalgie; sie sind der Soundtrack einer Kindheit, geprägt von Stahl, Salz und Gesang.






